Der Aufstieg des Cargobikes

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Interview mit Paul Kefer, Inhaber von Munix Finest Bicycles, einem Fahrradhandel, der innerhalb von zehn Jahren „aus Versehen“ von 70 auf 2.000 Quadratmeter gewachsen ist.

Paul Kefer_Munix Finest Bicycles

Paul, als ihr 2012 den kleinen Shop in München aufgemacht habt, stand da schon der Plan, einmal so zu wachsen?

Nein, überhaupt nicht. Es gab den Gedanken nicht, das Geschäft zu skalieren und groß zu machen. Wir haben nicht einmal Werbung gemacht. Wir haben einfach aufgesperrt und geschaut, was passiert. Dass sich die Dinge so entwickeln würden, war überhaupt nicht absehbar. 2012 war im Grunde auch noch die Zeit, in der das eBike imagemäßig auf einer Ebene mit dem Rollator stand.

Es ist unglaublich, was sich in dem letzten Jahrzehnt in der urbanen Fahrradlandschaft getan hat, oder?!

Total. Als ich vor 11 Jahren mit dem Lastenrad an der Ampel stand, wurde ich noch ständig angesprochen: „Was ist denn das? Wie fährt sich das? Das ist ja toll.“ Meine Frau hatte Visitenkarten von uns dabei und hat sie an die Leute verteilt, die neugierig gefragt haben.

Was war das Erfolgsrezept von Munix Finest?

Wir hatten das Glück, dass wir auf die richtigen Produkte gesetzt haben. Das Konzept war von Anfang an, nur hochwertige Räder zu führen. Wir wurden der erste Brompton Shop-in-Shop in Deutschland. Und mir war zudem wichtig, dass der Laden optisch ansprechend ist und nicht wie damals oft üblich eine Mischung aus Fahrradlager und Flohmarkt. Aber wir haben schnell gemerkt, dass allein schon Freundlichkeit ein Pluspunkt ist.

Wie meinst Du das?

Naja, wir haben einen Schlauch verkauft und die Leute meinten: „Mei, wie nett sie sind“. Dabei haben wir nichts Besonderes gemacht. Aber die Fahrradbranche war für ihren schlechten Service und ihre Muffigkeit bekannt. Die Kunden haben sich als Bittsteller gefühlt und es hat sich rumgesprochen, dass wir sie nicht anraunzen.

Vom Lastenfahrrad über stylische E-Bikes bis hin zu Kinderrädern findet sich hier auf 250 qm alles, was das Fahrradherz höher schlagen lässt.

Wie erkennt man denn einen guten Radverkäufer?

Ein guter Verkäufer ist, wer nicht Verkäufer, sondern Berater ist. Wenn jemand nach Verkaufsschulungs-ABC klingt und irgendwas runterbetet oder dir alles mögliche andrehen will und das musst du auch sofort kaufen, weil morgen gilt das Angebot nicht mehr… Ein Berater stellt dir Fragen, schaut nach deinen Bedürfnissen und will, dass du wirklich langfristig zufrieden bist. Und er wird dir eher raten, nochmal eine Nacht drüber zu schlafen.

Gibt es denn den typischen Kunden?

Nein, das ist schon immer sehr individuell, aber Typologien kann man schon ausmachen.

  • Da gibt es diejenigen, die zwei Autos haben und auch behalten. Das Lastenrad dient als ökologisches Aushängeschild für den Kinderschultransport.
  • Dann wären da noch diejenigen, die bisher zwei Autos hatten und eines durch das Lastenrad ersetzen. Sie wollen Kosten sparen, aber auch in anderen Bereichen bewusst nachhaltiger leben.
  • Und dann sind da die Konsequenten, die komplett auf das Auto verzichten und ihr Leben generell nachhaltig ausrichten.

Letztlich bringen aber alle Gruppen das Thema Fahrrad voran!

Heute hast Du sieben Läden in München, bist von 70 auf 2.000 Quadratmeter gewachsen…

…alles aber zufällig. Wir wollten nicht expandieren. Unser Laden war einfach schnell voll und es wurde das kleine Geschäft nebenan frei. Da dachten wir „Cool, das reicht.“ Ein halbes Jahr später war es wieder zu eng und es wurde gegenüber was frei. Plötzlich ging es von 100 auf 1.000 Quadratmeter. Sie zu füllen war kein Problem. Ich kam immer mit so viel Inspiration von der Eurobike zurück. Ich habe den Platz für meine Ideen gebraucht. Mit Ca Go war das auch so. Vom ersten Tag war klar, dass ich das Rad haben wollte. Es hatte so viele Elemente, die ich bei anderen Rädern vermisst hatte. Gerade die Sicherheitsfunktionen – bessere Sitze, bessere Gurte, bessere Ständer, besseres Licht…

Auf 250 qm findet man hier Lastenfahrräder, stylische E-Bikes und Kinderräder.

Inzwischen hört die Branche zu, wenn Du Feedback gibst, und Du bist sogar Jury-Mitglied bei Awards. Auf was freust Du Dich, wenn Du in die Rad-Zukunft blickst?

Ehrlich gesagt, freue ich mich auf die Zeit, wenn sich die Lage in der Branche wieder etwas stabilisiert hat. Auch ich muss mein Schiff durch die raue See manövrieren.

Aber was ich noch als ein offenes Feld sehe: Es wird oft vergessen, dass es nicht nur junge, dynamische Menschen gibt, die mit breitem Lächeln und wehendem Haar bei Sonnenschein Radfahren. Es gibt kalte Tage, Dunkelheit und es gibt viele Menschen, die nicht so fit sind. Die Wetter- und Sicherheitsproblematik ist noch weitestgehend ungelöst und da sehe ich ein riesiges Potential. Dafür braucht es allerdings einen radikalen Umbau der Infrastruktur – und das zeichnet sich aktuell leider nicht ab.

Vielen Dank, Paul.